Gleiche Firma, gleiche Prozesse – und trotzdem völlig unterschiedlich
Worum es geht
Ende der 1960er-Jahre stand IBM als international tätiges Unternehmen vor einem Rätsel:
Warum funktionierten identische Managementpraktiken in manchen Ländern hervorragend – und in anderen überhaupt nicht?
Der Mann, der dieser Frage nachging, war Geert Hofstede. Seine Erkenntnis: Nicht die Organisation war das Problem – sondern die unterschiedlichen kulturellen Prägungen der Menschen darin.
In einer empirischen Studie mit mehr als 110.000 IBM-Mitarbeitern entwickelte er Ende der 1960er Jahre anhand einer Faktorenanalyse das Modell der Kulturdimensionen. Die Studie bezog sich zu Beginn auf 67 Länder, wurde später ausgeweitet auf 76 Länder und letztlich (2010) für zwei Dimensionen (Langzeitorientierung/Kurzeitorientierung und Genuss/Zurückhaltung) auf 93 Länder ergänzt. Die zunächst vier Hauptdimensionen:
- Machtdistanz,
- Individualismus vs. Kollektivismus,
- Maskulinität vs. Feminität und
- Unsicherheitsvermeidung
ergänzte Hofstede später um eine fünfte Kulturdimension (Langzeit vs. Kurzzeitorientierung) und fügte 2010 eine sechste hinzu: Genuss vs. Zurückhaltung.
Das Tool: Drei Kulturdimensionen in der Praxis
Für den Führungsalltag schauen wir uns an dieser Stelle drei Dimensionen und ihre Ausprägungen an:
- Machdistanz: flach vs. ausgeprägt
- flach: Führung auf Augenhöhe
- ausgeprägt: klare Erwartungen an Führung und Entscheidung
Die Leitfrage: „Wird von mir Moderation erwartet – oder klare Ansage?“
- Individualismus vs. Kollektivismus:
- Individualistisch: Eigeninitiative, persönliche Verantwortung
- Kollektivistisch: Abstimmung, Zugehörigkeit, Harmonie
- Direkte Kommunikation: klar, explizit, konfrontativ möglich
- Indirekte Kommunikation: vorsichtig, andeutend, beziehungsorientiert
Die Leitfragen:
- „Erreiche ich mein Team über individuelle Ziele – oder über das Gemeinsame?“
- „Wie klar muss ich formulieren – und wo ist Zurückhaltung angemessen?“
- Langzeitorientierung vs. Kurzzeitorientierung
- Flexibel: Anpassung, Beziehung vor Zeit
- Strikt: Planung, Verlässlichkeit, Deadlines
Die Leitfrage: „Was zählt hier mehr – Pflege der Beziehung oder Einhaltung des Plans?“
Selbsttest: Der schnelle Realitätscheck
Ein besonders hilfreiches Werkzeug ist der internationale Vergleich auf Basis der Hofstede-Daten: Country Comparison Bar Charts – Geert Hofstede
Wählen Sie hier:
- Ihr eigenes Land
- Ein Land aus Ihrem Team oder Ihrer Organisation
Fragen Sie sich anschließend vor dem Hintergrund des Balkendiagramms:
- Wo sind die größten Unterschiede?
- Wo erleben Sie diese konkret im Führungsalltag?
Erfahrung aus der Praxis: Die größten Irritationen entstehen fast immer genau dort, wo die Unterschiede am größten sind.
Ein Mini-Tool für den Alltag: „Der 2-Minuten-Kultur-Check“
Vor einem wichtigen Gespräch oder Meeting:
- Wer sitzt im Raum? (kulturell gedacht)
- Wo könnten Unterschiede liegen?
- Was passe ich konkret an?
- mehr Klarheit?
- mehr Kontext?
- mehr Einbindung?
Worum es für Sie als Führungskraft geht
Sie müssen keine Kultur-Expertin oder kein Kultur-Experte werden.
Aber Sie sollten verstehen, warum Menschen in Ihrem Team unterschiedlich ticken – obwohl sie scheinbar dasselbe tun. Erfolgreiche Führungskräfte im internationalen Kontext tun vor allem eines: Sie variieren bewusst ihr Verhalten, ohne sich selbst untreu zu werden.
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