Sehr spannend fand ich in einem meiner letzten Konfliktmanagementtrainings die Rückmeldung eines Teilnehmers: „Das ist ja dann gar kein Konfliktgespräch mehr, sondern einfach nur eine Projektsitzung.“

Oft kommen die Teilnehmenden in ein Konfliktmanagementtraining mit der Erwartung, Ihre Emotionen in einer Konfliktsituation „ausschalten“ zu können oder zumindest konstruktiv mit Ihren Emotionen umgehen zu lernen.

Emotionen

Zunächst einmal: Emotionen sind Bestandteil unseres täglichen Lebens und resultieren positiv aus erfüllten Bedürfnissen (Zufriedenheit, glücklich sein, lustig sein etc.) wie auch negativ aus unerfüllten Bedürfnissen (z. B: Wut, Ärger, Angst etc.). Emotionen resultieren aus unserer Wahrnehmung und können damit auch nicht „abgeschaltet“ werden.

In Konfliktsituationen haben wir es oft mit der Wahrnehmung unerfüllter Bedürfnisse zu tun Und je höher eskaliert der Konflikt ist, desto mehr bekommen wir einen „Tunnelblick“ und nehmen nur noch die Dinge vom Gegenüber wahr, die unsere gegenwärtige Defizit-Situation bestätigen bzw. noch verstärken.

Mit Emotionen hilfreich umgehen

Wie soll ich in einer solch emotionalisierten Situation also einen Konflikt ansprechen? Gar nicht! Genau dieses Ansprechen auf dem Weg zum Aufzug oder beim Mittagessen „aus dem Bauch heraus“ ist für eine nachhaltige Konfliktlösung nicht hilfreich.

Ein wesentlicher Punkt in der Vorbereitung auf ein Konfliktgespräch – nachdem ich mir ein Bild über alle Beteiligten und Betroffenen gemacht habe und die Historie des Konfliktes nachvollzogen habe – ist es, aus den O-Tönen der Beteiligten („Du bist inkompetent“, „Du tratschst immer hinter meinem Rücken“) in einem ersten Schritt eine Liste von Streitthemen zu entwickeln, die sich auf beiden Seiten in dem Konflikt entwickelt haben.

Von Streit – zu Arbeitsthemen

Dann – und jetzt kommt der entscheidende Schritt – wandele ich diese Streitthemen in Arbeitsthemen um: „Umgang miteinander“, „Zusammenarbeit in terminkritischen Situationen“ etc.) Wichtig ist hier, dass diese Arbeitsthemen so neutral formuliert sind, dass sie bei einer Einladung zu einem klärenden Gespräch z. B. via E-Mail keine Widerstände beim Gegenüber wecken: „Ich möchte gerne mal mit Dir darüber sprechen, wie wir in Zukunft mit Terminkollisionen in der Zusammenarbeit umgehen.“

In einem weiteren Schritt überlege ich mir, welche Arbeitsthemen von der anderen Seite kommen könnten und stelle an dieser Stelle oft überrascht fest, dass es da wahrscheinlich Gemeinsamkeiten geben wird.

Dieser Schritt des „Umwandelns“ raus aus der Emotion rein in Arbeitsthemen nimmt im Training wie im richtigen Leben durchaus Zeit in Anspruch und ist der Grundstein dafür, dass wir Konfliktthemen besprech- bzw. verhandelbar machen können.

Gleichzeitig beobachte ich immer, wie sich Einstellung und Haltung während des Arbeitens verändern: die Teilnehmer*innen bewegen sich immer mehr aus einer emotionalisierten Haltung in Richtung eines sachorientierten Arbeitens und entwickeln bereits im Vorfeld Lösungsoptionen für ihre bzw. die möglichen Arbeitsthemen der anderen Seite.

Dementsprechend lösungsorientiert bzw. „arbeitswillig“ gehe ich dann gut vorbereitet in ein vereinbartes Konfliktgespräch. Beim Arbeiten mit den Optionen ist im Gespräch darauf zu achten, dass ich diese dem Gegenüber nicht diktiere, sondern sie gemeinsam mit ihm entwickle („Was hältst Du von…?“ „Vielleicht könnten wir … probieren?“ etc.) Optionen sind nur dann hilfreich für den Konfliktlösungsprozess, wenn sie für beide Seiten passen. Geben Sie Ihrem Gegenüber das Gefühl und die Gelegenheit, sich selbst einbringen zu können.

Mit dem Schritt von den Streitthemen zu den Arbeitsthemen bringe ich mich selbst in eine ressourcen- bzw. lösungsorientierte Haltung.

Dennoch: Über allem steht der Grundsatz, dass eine Konfliktlösung nur dann möglich ist, wenn beide Seiten wollen, und je früher Sie einen wahrgenommenen Konflikt ansprechen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, zu einer nachhaltigen Vereinbarung zu kommen.

Vielleicht ist das Konfliktgespräch dann tatsächlich nur ein Projektmeeting unter vier Augen.

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