Die Geschichte hinter „Zusammenarbeit mit System“
Warum gibt es eigentlich kein Buch über die Coverdale-Methode?
Diese Frage hat mich viele Jahre begleitet. Über Management, Führung, Projektarbeit und Zusammenarbeit sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Auch bei Coverdale gab es von Anfang an eine Fülle an Wissen: historische Manuskripte, Trainingsunterlagen, Modelle, Werkzeuge und vor allem die Erfahrung vieler Generationen von Berater*innen, Trainer*innen und Teilnehmer*innen. Was fehlte, war ein Buch, das diese Gedanken zu einem zusammenhängenden Bild verbindet und zeigt, wie wir die systematische Vorgehensweise heute verstehen und anwenden.
Dass dieses Buch erst jetzt entstanden ist, hat viel mit der besonderen Geschichte von Coverdale zu tun. Das Wissen wurde über Jahrzehnte von Mensch zu Mensch weitergegeben: in Trainings, in Beratungsprozessen, in Projekten und in der täglichen Zusammenarbeit. Menschen haben die Vorgehensweise erlebt, ausprobiert, reflektiert und in ihren eigenen Arbeitsalltag übertragen. So blieb sie lebendig. Gleichzeitig wuchs in mir der Wunsch, den dahinterliegenden Denkweg so zu beschreiben, dass er auch außerhalb eines Trainings zugänglich wird.
Aus diesem Wunsch entstand „Zusammenarbeit mit System“. Die eigentliche Geschichte des Buches beginnt allerdings viel früher – in einem walisischen Stahlunternehmen in den 1950er-Jahren.
Wo alles begann
1955 arbeitete Ralph Coverdale für die Steel Company of Wales. Fachlich hervorragende Mitarbeitende wurden in Führungspositionen befördert und sollten plötzlich planen, Verantwortung übernehmen, andere einbeziehen und gemeinsam Ergebnisse erzielen. Dafür brauchten sie Fähigkeiten, die sich aus technischer Expertise allein nicht automatisch entwickelten.
Gemeinsam mit Bernard Babington-Smith, seinem früheren Tutor an der Universität Oxford, begann Ralph neue Wege in der Managemententwicklung zu erkunden. 1958 entwickelte er eines seiner ersten Trainingsprogramme unter dem Titel „Getting things done together with other people“. In diesem Satz steckt bereits viel von dem, was Coverdale bis heute ausmacht: Menschen verbinden ihre unterschiedlichen Fähigkeiten so, dass daraus ein gemeinsames Ergebnis entsteht.
Die frühen Trainings waren praktische Lernräume. Die Teilnehmenden arbeiteten in kleinen Gruppen an konkreten Aufgaben. Einzelne Mitglieder beobachteten, was während der Arbeit geschah. Anschließend blickte die Gruppe gemeinsam zurück: Was hat uns vorangebracht? Wie haben wir gesprochen, entschieden und geplant? Was wollen wir bei der nächsten Aufgabe bewusst beibehalten oder verändern?
Damit verbanden Ralph Coverdale und Bernard Babington-Smith zwei Perspektiven, die bis heute wesentlich sind: die Aufgabe und den Prozess. Die gewonnenen Einsichten verdichteten sich Schritt für Schritt: Auftrag klären, Ziele vereinbaren, relevante Informationen sammeln, herausarbeiten, was zu tun ist, planen, handeln und auf Ergebnis und Zusammenarbeit zurückblicken. 1965 wurde dieser Denkweg als „a systematic approach to getting things done“ formuliert.
Footsteps or Honey
In den historischen Unterlagen findet sich eine Frage von Bernard Babington-Smith, die mich beim Schreiben besonders beschäftigt hat: Ist das, was wir weitergeben, eher wie Honig oder wie Fußspuren?
Honig lässt sich in Gläser füllen, lagern und verschicken. Fußspuren entstehen, während jemand einen Weg geht. Wer ihnen folgen möchte, muss sich selbst auf den Weg machen. Coverdale war über viele Jahre vor allem „Footsteps“. Neue Trainer*innen lernten von erfahrenen Kolleg*innen. Sie beobachteten Trainings, übernahmen erste Sequenzen, erhielten Feedback und entwickelten Schritt für Schritt ihre eigene Kompetenz. Modelle und Unterlagen unterstützten sie; ihre volle Bedeutung erschloss sich durch Anwendung und gemeinsame Rückblende.
Diese Form der Weitergabe bewahrte den Erfahrungscharakter der Arbeit. Zugleich blieb viel Wissen an Menschen gebunden. Nach Ralph Coverdales frühem Tod im Jahr 1975 lebte sein Denken in Kolleg*innen, Trainingsdesigns, internen Papieren und in der Arbeit mit Kund*innen weiter. Vielleicht musste das Buch deshalb über viele Jahre reifen. Es sollte den Honig zugänglich machen und zugleich die Fußspuren sichtbar lassen.
Meine eigenen Coverdale-Jahre
Als ich 2001 zu Coverdale kam, lernte auch ich die Vorgehensweise über Menschen und gemeinsame Erfahrungen kennen. Christine Peutsch-Jeannet war in meinen ersten Jahren eine wichtige Mentorin. Sie gab mir Orientierung und machte viele Elemente der Coverdale-Arbeit praktisch greifbar. Ebenso prägend war Mike De Luca, damals CEO von Coverdale in Großbritannien. Wenn ich eine Aktivität plante, weil ich sie bei Kolleg*innen gesehen hatte, fragte Mike konsequent: „Wozu dient Deine Intervention? Welchen Zweck verfolgst Du?“
Diese Fragen veränderten meine Sicht auf die Arbeit. Was soll für die Teilnehmenden am Ende anders sein? Welchen Beitrag leistet eine Übung zum Ziel? Welche Erfahrung soll sie ermöglichen? Ich begann, hinter die sichtbaren Methoden zu schauen und ihre innere Logik zu verstehen.
Seitdem habe ich die systematische Vorgehensweise in Hunderten Trainings, Projekten und Beratungsprozessen eingesetzt. Die Arbeitswelt hat sich in diesen 25 Jahren grundlegend verändert. Menschen arbeiten in Matrix-, Projekt- und Netzwerkorganisationen, international, hybrid und über viele Schnittstellen hinweg. Der ursprüngliche Coverdale-Gedanke blieb dabei erstaunlich anschlussfähig. Der Rahmen ist verlässlich, während seine Anwendung beweglich bleibt. Und ich habe immer deutlicher erlebt: Seine volle Wirkung entsteht im Zusammenspiel mit gelebten Werten und sozialen Kompetenzen – mit Zuhören, Perspektivenwechsel, konstruktiver Konfliktbearbeitung und der Bereitschaft, Verantwortung zu teilen.
Der Schritt zum Buch
Die Frage nach einem Buch tauchte immer wieder auf. Kund*innen wollten Inhalte nachlesen, Teilnehmer*innen die Vorgehensweise an Kolleg*innen weitergeben, und neue Kolleg*innen brauchten ein gemeinsames Bezugsmodell. Vor rund einem Jahr fiel schließlich die Entscheidung, diese Aufgabe wirklich anzugehen.
Ich begann mit den historischen Unterlagen: Briefe, handschriftliche Notizen, Vortragsmanuskripte und frühe Trainingsmaterialien. Daneben legte ich meine Erfahrungen aus 25 Jahren Praxis. Was gehört zum zeitlosen Kern? Was hat sich weiterentwickelt? Und wie beschreibt man etwas, das über Jahrzehnte vor allem erlebt wurde?
Aus diesen Fragen entstanden auch die vier Personen, die durch das Buch führen: Alex, die Geschäftsführerin eines wachsenden Unternehmens; Hannah, die als Abteilungsleiterin eine Transformation gestaltet; Ben, der als Projektmanager ohne formale Macht komplexe Vorhaben steuert; und Sofia, die als selbstständige Expertin viele parallele Aufträge organisiert. Ihre Geschichten zeigen, wie derselbe Denkweg in sehr unterschiedlichen Arbeitssituationen wirksam wird.
Auch das Schreiben selbst wurde zu einem Coverdale-Prozess. Aus ersten Kapiteln entstanden Fragen, aus Feedback neue Fassungen. Mein Mann Klaus Fischer las geduldig Manuskript um Manuskript und half mir, Gedanken zu schärfen. Mit Kolleg*innen aus Österreich, Großbritannien, Frankreich und Deutschland diskutierte ich Begriffe, Anwendungen und unterschiedliche Sichtweisen. So wurde aus einem persönlichen Vorhaben ein gemeinsames Coverdale-Produkt.
Aus Buchseiten werden wieder Fußspuren
„Zusammenarbeit mit System“ beschreibt deshalb mehr als einzelne Werkzeuge. Das Buch erzählt einen Denkweg: vom Klären eines Auftrags über gemeinsame Ziele, Informationen, Entscheidungen und Planung bis zur Umsetzung und zur Rückblende. Vor allem ist es eine Einladung zum eigenen Tun.
Wirkung entsteht, wenn Leser*innen eine Frage aufgreifen, eine Zielscheibe mit ihrem Team erarbeiten, einen Auftrag klarer formulieren oder nach einem Projekt bewusst zurückblicken. Dann werden aus Buchseiten wieder Fußspuren. Vielleicht schließt sich damit nach mehr als 60 Jahren ein Kreis: Aus beobachteter Praxis entstand eine systematische Vorgehensweise. Über Jahrzehnte wurde sie durch gemeinsames Arbeiten weitergegeben. Nun kann das Buch zum Ausgangspunkt für neue Erfahrungen werden.
Denn Zusammenarbeit entsteht jeden Tag neu. Und wir können sie bewusst gestalten.
Birgit Fischer-Sitzwohl ist seit 2001 Beraterin und Trainerin bei Coverdale, seit 2007 geschäftsführende Gesellschafterin von Coverdale Österreich. Ihr Buch „Zusammenarbeit mit System. Strategien und Tools für klare Ziele und effiziente Teamarbeit“ ist 2026 bei Schäffer-Poeschel erschienen.
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